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Lehnhardt, Jürgen: Im Sulky der Stadt (Erzählungen)
ISBN 3-89693-152-0 (04/2000)
164 Seiten, Ebr, EUR 13,50 / SFr 24,00

Dieser Band faßt 12 Erzählungen Jürgen Lehnhardts zusammen, die sich seinem Grundthema widmen: der Beziehung zwischen Menschen. Mit einer Klarheit, die sich aller Illusion und Schönfärberei entzieht, beschreibt der Autor Momente im menschlichen Miteinander, Momente von Versuchen, sich gegenseitig zu verstehen, doch vor allem solche Momente, in denen sich der Abgrund grundsätzlichen Unverständnisses gegenüber dem anderen zeigt. Das Ausleben von Machtpositionen wird ebenso beschrieben wie die Grotesken innerhalb menschlicher Kommunikation. All dies geschieht mittels einer Sprache, die in ihrer nahezu brutalen Klarheit dem Leser keine Chance läßt, sich der dargestellten Unzulänglichkeit menschlichen Beisammenseins zu entziehen.

Leseprobe

Im Sulky der Stadt

“Was machen Sie Weihnachten?” fragte Giorgio.
Er sah weiter zu, wie ich las und mir Notizen machte. Ich ging einen Absatz über die Kasematten durch, den ich geschrieben hatte.
“Und du?”
“Und Silvester?” fragte Giorgio.
“Besuch”, sagte ich.
“Ein Freund von Ihnen?”
“Ja”, sagte ich. “Er heißt Siminski und ist Arzt. Er hat ein Haus im Taunus. Das ist ein Gebirge. Er kommt mit einer Frau, die Mathilde heißt.”
“Störe ich?”
“Nein”, sagte ich.
“Ist er verheiratet?” fragte Giorgio.
“Noch nicht.”
“Wie alt ist er?”
Ich überlegte.
“Fünfunddreißig, glaube ich.”
“Dann ist er doppelt so alt wie ich”, sagte Giorgio.
Ich dachte nach.
“Du bist erst sechzehn”, sagte ich.
“Unsinn. Das eine Jahr!”
Ich sagte nichts. Ich blätterte in den Aufzeichnungen, hingeschrieben auf das gelbe, brüchige Pensionspapier.
“Störe ich wirklich nicht?”
“Nein.” Ich legte die Notizen auf den Schreibtisch und lehnte mich zurück.
“Wollen Sie was trinken?” fragte Giorgio.
“Ich habe nur Wasser hier oben”, sagte ich.
“Ich hol’ was”, lächelte Giorgio.
Er stand auf und ging hinaus. Ich hörte ihn die Treppe hinuntersteigen. Nach einer Weile klapperte es unten im Hausflur, und ich hörte ihn die Treppe heraufkommen. Ich steckte die Notizen in die Schublade und schloß sie ein. Dann stand ich auf, ging zur Wand, nahm zwei Weingläser von der Ablage und stellte sie auf den Tisch. Als ich mich umdrehte, kam Giorgio herein.
Er war verlegen.
“Jetzt arbeiten Sie nicht mehr”, stellte er fest.
“Macht nichts”, sagte ich.
Er stellte die Rotweinflasche auf den Tisch.
“Oh, Rotwein”, sagte ich.
Er freute sich, füllte die Gläser, und wir tranken. Er trank gleich sehr schnell. Er hielt sein Glas in der Hand, saß mir gegenüber im einzigen Sessel und streckte seine langen Beine weit von sich. Er lehnte sich gemütlich ins Polster zurück.
“Sind Sie müde?” fragte er.
“Prost”, sagte ich.
“Prost”, sagte Giorgio und hob sein Glas.
“Ja”, sagte ich und rieb meine Augen. “Ich bin müde.”
“Wollen Sie mir das beantworten?” fragte Giorgio schnell.
“Was?”
“Warum gehen Sie mit diesem Mädchen weg?” fragte Giorgio. “Das muß doch einen Grund haben.”
Ich ging in letzter Zeit mit einem Mädchen weg.
“Hat keinen Grund”, sagte ich. “Es hat sich so ergeben.”
“Mir scheint, sie ist ein bißchen jung für Sie”, sagte Giorgio.
“Meinst du?”
Giorgio nickte.
“Ja”, sagte er. “Sie ist kaum älter als ich.”
Ich sagte nichts. Ich sah zu, wie Giorgio sich nachschenkte. Er hielt das Glas am Stiel, als er trank.
“Sie könnten doch andere Frauen haben”, sagte Giorgio nach einer Weile. Er füllte mein Glas auf dem Tisch und dann sein Glas.
“Sieh mal an”, sagte ich. “Ich habe aber keine anderen Frauen.”
“Ich auch nicht”, sagte er.
Ich lachte.
Dann stand ich auf, ging durchs Zimmer und öffnete das Fenster. Die Geräusche der Stadt und des Bahnhofs drangen ins Zimmer. Ich beugte mich vor und sah zur Straße hinunter. Sie war naß und dunkel.
Es war eine schmale Einbahnstraße mit kleinen Läden und Lokalen auf beiden Seiten, der Schnee war verweht, ab und zu ein schmutziger Klumpen auf dem Bürgersteig, die Straße glänzte vor Nässe, und die Wagen und Fahrräder fuhren in Richtung des Bahnhofs. Es war kalt.
Ich lehnte das Fenster an und blieb dort stehen im scharfen Luftzug.
Giorgio goß sich nach, trank und hielt sein Glas am Kelch.
“Ich heirate später nur eine Italienerin”, sagte Giorgio. Er mußte aus dem Konzept gekommen sein, und ich wußte, daß er keinen Alkohol vertrug.
“Ich bin Italiener”, sagte Giorgio. “Und wenn ich tausendmal in Luxemburg geboren bin!”
“Klingt gut”, sagte ich.
“Mit achtzehn gehe ich nach Italien in die Armee. Ich will in Italien in die Armee.”
“Was willst du da?” fragte ich.
Giorgio hielt in der einen Hand sein Weinglas und in der anderen eine Zigarette. Er rauchte seit einigen Wochen.
“Jeder Mann muß in die Armee seines Vaterlandes”, sagte er. “Man muß seinen Wehrdienst ableisten.”
“Gefällt dir Luxemburg nicht?” fragte ich.
“Italien ist besser.”
“So?”
“Natürlich. Auch, wenn ich nie dort war. Ich weiß alles über Italien. Übrigens, ich will nach Rom. Luxemburg ist ein Witz. Auf der Landkarte sieht es kein Mensch. Sehen Sie sich mal Italien auf der Karte an!” Er nickte heftig und rauchte. “Das ist ein Land!”
Ich lehnte mit dem Rücken gegen den geschlossenen Fensterflügel und sah halb zur Straße hinunter. Es gab nicht viel zu sehen. Giorgio kam in Fahrt.
“Ein dreckiger Stiefel”, sagte ich. Ich beobachtete zwei Mädchen, die auf der anderen Straßenseite in Richtung des Bahnhofs gingen.
“Ein großartiger Stiefel”, sagte Giorgio. “Er marschiert! Ich will mit!”
Die Mädchen blieben vor dem Juweliergeschäft stehen und betrachteten sich die Auslagen. Ich sah von hier oben den glänzenden Schmuck auf den grünen Samtpolstern. Die Stücke waren mit Lametta und bunten Kugeln geschmückt. Auf das Schaufenster hatte man mit weißer Farbe die Umrisse eines Weihnachtsmanns gemalt, der in einer Sprechblase auf Französisch ein frohes Fest wünschte.
Die Mädchen gingen weiter, und es war zu unbequem, ihren Weg weiter zu verfolgen. Sie trugen dunkle Strickmützen, unter denen ihr schwarzes Haar im Laternenlicht schimmerte. Vielleicht gingen sie tanzen. Dann sah ich zum Schreibtisch, zur Arbeit, hinüber. Ich hörte sie lachen. Von unten drang Musik aus Monsieur Lenks Lokal herauf. Giorgio betrachtete mein volles Glas und entschloß sich dann, sich noch einmal nachzuschenken. Er hielt die Flasche gegen das Licht. Sie war leer.
“Sie verstehen das nicht”, sagte Giorgio und fuhr mit seiner Handfläche über das Etikett. Dann stellte er sie vorsichtig hin. “Da ist Leben! Und was habe ich hier?”
Er sah auf die Flasche, die er losgelassen hatte, und sein Blick war glasig.
“Immerhin konntest du leicht drei Sprachen lernen”, sagte ich.
“Was soll ich mit Französisch und Deutsch? Die einzige Sprache, die zählt, mußte ich im Ausland lernen. Das ist unnormal und häßlich.”
Er sagte Ausland. Er mußte grinsen.
“Im Ausland!” wiederholte er trotzig.
Er stand auf und lief durchs Zimmer. Er kam ans Fenster. Es zog kalt. Er öffnete es und beugte sich weit hinaus, an mir vorbei. Ich packte ihn am Arm und zog ihn zurück. Er sah über die dunklen Dächer.
“Sehen Sie den Bahnhof?” fragte er.
Ich wandte mich um und sah zur Straße hinunter.
“Eben standen zwei Mädchen vor dem MON BIJOU”, sagte ich. “Hast du sie gesehen?”
“Nein”, sagte Giorgio. “Ich meine den Bahnhof.”
Ich gähnte. “Nein”, sagte ich. “Ich glaube, ich sehe da hinten nur die Berge.” Ich wußte, wo der Bahnhof lag. Ich erkannte ihn an den weißen Lichtern, die ihn umgaben. Aber er war von hier oben nicht zu sehen. Häuser standen davor. Ich sah weder den Bahnhof noch die Berge.
“Sehen Sie, wie lächerlich klein dieser Bahnhof ist? Am Hauptbahnhof erkennt man eine Stadt!”
Wir sahen über die Dächer. Ich schloß das Fenster.
“Es ist kalt geworden”, sagte Giorgio. “Soll ich für Sie noch heizen?”
“Ich muß noch arbeiten”, sagte ich. “Ich lege Kohlen nach.”
“Wann?”
“Ich arbeite nicht lange.”
Giorgio stand in der Tiefe des Raumes. Mir schien, als sei er unschlüssig.
“Es ist schon spät”, sagte ich und gähnte wieder. “Willst du nicht schlafen gehen?”
Giorgio nickte. Es war noch etwas.
“Zier dich nicht”, sagte ich. Ich zündete mir eine Zigarette an. “Steh nicht so verstockt herum.”
“Das Mädchen”, sagte Giorgio und sah auf den Boden.
“Ach so”, sagte ich. Ich verstand eigentlich erst jetzt richtig.
“Giorgio”, sagte ich und stellte das Rotweinglas ab. Ich bot ihm eine Zigarette an und sah hinunter auf den Teppich.
“Giorgio”, sagte ich. “Ich habe nichts vor mit ihr. Außerdem fahre ich bald ab.” Ich dachte, ich sollte noch etwas sagen. “Du hast sie dann ganz für dich allein.”
“Wirklich?”
“Sicher.”
“Ich dachte ...”
Ich dachte daran, daß er ihr nicht aufgefallen war. Aber er war verliebt. Sein Herz faustet, dachte ich.
“Geh schlafen”, schlug ich vor.
Er nickte.
“Gute Nacht”, sagte er.
“Nacht, Giorgio.”
Er ging mit der leeren Flasche hinaus.